Schinder-Trail® Prison Break oder
Die Flucht vom Grauen Kopf
Zum ersten Mal fand am 07.07.2023 in Deutschland ein Prison Break-Ultralauf statt. Bei diesem Wettkampfformat müssen sich die Gefangenen (Teilnehmer) innerhalb von 24 bzw. 48 Stunden so weit wie möglich vom Startpunkt entfernen. Die zurückgelegte Distanz wird mit einem vom Veranstalter bereitgestellten GPS-Tracker gemessen. Es wird die Luftlinie gewertet. Wer am weitesten kommt, hat gewonnen. Es gibt keine Verpflegungspunkte, keine Pflichtausrüstung und keine Zuschauer. Wer keine Fluchthelfer hat, ist komplett auf sich allein gestellt.
Das klingt spannend und natürlich habe ich mich sofort für dieses Event angemeldet. Breits das Austüfteln der Fluchtroute hat riesigen Spaß gemacht und ich habe mich stundenlang am Computer mit der Routenplanung beschäftigt, um eine möglichst direkte Strecke zu finden. Als Ziel meiner Flucht habe ich mein Zuhause gewählt, 63 km Luftlinie bzw. 82 Laufkilometer vom Startpunkt entfernt. Um besonders in den Nachtstunden keine unliebsamen Überraschungen in Form von unpassierbaren Wegen, unüberwindbaren Weidezäunen etc. zu erleben, habe ich mir bekannte Strecken, wie den Höchster Kreisblatt Kreisstadt-Lauf und den Mainbrückenlauf, in meine Route integriert. Den Streckenteil vom Grauen Kopf nach Hochheim bin ich im Training etappenweise abgelaufen und konnte mit dieser Erfahrung noch einige Optimierungen vornehmen.
Kurz nach 17.00 Uhr finde ich mich am Starttag auf dem Gipfel des Grauen Kopfes ein, fernab der Zivilisation in den dichten Wäldern des westlichen Hintertaunus. Vom Gefängnisdirektor (Veranstalter) Alex Holl erhalte ich meinen persönlichen GPS-Tracker. Während des Rennens wird die aktuelle Position aller Flüchtenden auf einer speziellen Live-Tracking-Webseite angezeigt. Zusammen mit etwa vierzig Mitgefangene verbringe ich die Zeit vor dem Start im Schatten einer Windkraftanlage. An der Größe der Rucksäcke lässt sich leicht erkennen, wer bei seiner Flucht mit der Unterstützung von Fluchthelfern rechnen kann und wer allein unterwegs sein wird. Mit meinem knapp 5 kg schweren Rucksack bin ich sicher am oberen Ende der Gewichtsskala. Pünktlich um 18.00 Uhr gibt Alex mit seiner Trillerpfeife das Startsignal und wir beginnen unser Abenteuer.

Die Gefangenen warten auf den Start (Foto: Rüdiger Hein)
Bereits nach wenigen Minuten teilt sich die Läuferschar auf und jeder folgt seinem persönlichen Fluchtweg. Ein jüngerer Mitgefangener bleibt jedoch bei mir. Er hat keinen Track vorbereitet und so beschließen wir, gemeinsam bis nach Wiesbaden zu laufen, wo er dann den Rhein überqueren und sich allein weiter durchschlagen will.
Bei meiner Routenplanung habe ich auch auf am Weg liegende Supermärkte und Tankstellen geachtet und wir nutzen wie geplant den nur wenige Meter von der Strecke entfernten REWE-Markt in Bad Schwalbach, um unsere Trinkvorräte aufzufüllen. Allerdings dauert der Einkauf von Snacks und Getränken im mir unbekannten Markt doch ziemlich lang und wir machen uns erst nach etwa 20 Minuten wieder auf den Weg. Mittlerweile habe ich vom Lauf- in den Wandermodus umgeschaltet und muss leider feststellen, dass der herausgelaufene Vorsprung auf den geplanten Schnitt von 11 min/km durch den Einkaufsstopp nahezu aufgebraucht ist.
Hinter Taunusstein bricht die Nacht herein und wird wandern jetzt gemeinsam auf dem gut ausgebauten Aartal-Radweg Richtung Wiesbaden. Gegen Mitternacht erreichen wir die Innenstadt. Nach 30 gemeinsamen Kilometern trennen sich hier unsere Wege. Mein Laufkamerad wird über die Rheinbrücke Richtung Worms weiterziehen, ich ziehe in die nächste Kneipe und bestelle mir ein Bier.
Von nun an bin ich allein unterwegs. Da ich fast die ganze vor mir liegende Strecke bis Hofheim schon im Training gelaufen bin, bereitet mir die Wegfindung keinerlei Probleme. Auch diejenigen Abschnitte, die ich auf der Landstraße zurücklege, sind sehr entspannt, da um diese Uhrzeit nur ganz selten ein Fahrzeug unterwegs ist.
Irgendwann hole ich mein langärmeliges Laufshirt aus dem Rucksack. Laut Aufzeichnung meiner Laufuhr ist die Temperatur zwar in dieser Nacht nicht unter 20 °C gefallen, aber mir war zu diesem Zeitpunkt kalt.
Im Hofheimer Stadtwald ist es zappenduster. Meine Stirnlampe läuft schon seit einiger Zeit im Energiesparmodus und beleuchtet den vor mir liegenden Weg nur noch spärlich. Gezwungenermaßen entscheide ich mich endlich für einen Batteriewechsel, der dank einer kleinen LED-Taschenlampe, die ich mit dem Mund halte, sehr viel einfacher von statten geht als befürchtet.
Gegen 5 Uhr erreiche ich die Stadtmitte von Hofheim. Hier beginnt ein Streckenteil, den ich aufgrund zahlreicher Teilnahmen am Kreisstadt-Lauf in- und auswendig kenne. Auf der anderen Straßenseite hat eine Polizeistreife einen Mopedfahrer angehalten. Zum Glück beachten mich die Polizeibeamten nicht. Meine Erklärung, dass ich ein geflohener Gefangener bin, hätte vielleicht für Irritationen gesorgt. Voller Vorfreude auf einen Becher Kaffee und ein Croissant steuere ich auf ich eine Tankstelle zu, die gemäß meiner Recherche 24 Stunden geöffnet ist, bzw. sein sollte. Nachdem ich einige Zeit vor verschlossener Tür stehe, ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Zum Glück ist wenigstens der Nachtschalter geöffnet und dank eines netten Angestellten kann ich doch noch meine Wasser- und Cola-Vorräte auffüllen.
Mit der aufgehenden Sonne wird es schnell wärmer, aber ich habe keine Lust, das langärmelige Laufshirt gegen das schweißverkrustete Kurzärmelige zu tauschen. Also die Ärmel hochgekrempelt und weitermarschiert. Der jetzt folgende Streckenteil durch Zeilsheim zieht sich gefühlt ewig hin, bis ich endlich in Sichtweite der Jahrhunderthalle nach rechts in Richtung des Werksgeländes der ehemaligen Farbwerke abbiegen kann. Nun geht es, nicht wie beim Kreisstadt-Lauf durch das Werksgelände hindurch, sondern außen herum zur Leunabrücke.
Hier beginnt der Streckenteil, den ich vom Mainbrückenlauf während der Corona-Pandemie her kenne. Bei etwa Streckenkilometer 58 erreiche ich in Höhe der Schwanheimer Brücke das Mainufer. Viele Kilometer geht es jetzt einsam am Main entlang. Erst auf Höhe von Sachsenhausen wird es etwas belebter auf der Strecke und es sind schon viele Läufer unterwegs, die die etwas kühleren Temperaturen am Morgen für ihr Training nutzen. Am Vorabend hat hier wohl eine Veranstaltung stattgefunden und obwohl die Stadt zahlreiche zusätzliche Mülleimer aufgestellt hat, liegt unglaublich viel Abfall auf den Wiesen. Kein schöner Anblick.
Nach rund 16 Stunden erreiche ich die Stadtgrenze zu Offenbach. Eine Kontrolle meiner Position auf der Live-Tracking-Webseite zeigt mir, dass ich schon deutlich weiter als 50 km Luftlinie vom Start entfernt bin. Die Bronze-Medaille für eine Leistung von 50-100 km ist mir also sicher. Ich wandere jetzt die Berliner Straße entlang und staune, wie viele neue Gebäude hier in den letzten Jahren entstanden sind. Die zahlreichen Passanten beachten mich zu meiner Verwunderung kaum. Vielleicht kommen hier ja öfter Typen mit Startnummer, Rucksack und Wanderstöcken vorbei.
An der nächsten ARAL-Tankstelle lege ich eine letzte Pause ein und kaufe mir eine Dose Apfelwein und ein Eis. Das macht den Aufstieg auf den Bieberer Berg zwar auch nicht wirklich leichter, sorgt aber immerhin für etwas Abkühlung. Vom Kickers-Stadion am Gipfel sind es noch genau 6 km bis nach Hause, wo ich um 12.42 Uhr ziemlich erschöpft eintreffe. Die Frage meiner Frau, ob ich noch weiterlaufen will, beantworte ich mit vehementem Kopfschütteln. Mit meiner erlaufenen Distanz von genau 67 km in 18:42 Stunden bin ich zufrieden. Die gelaufene Strecke beträgt laut Tracker 82,1 km. Mit einem Rucksack geht doch Einiges an Tempo verloren.
Die einzige Goldmedaille für eine Distanz von über 150 km in 24 Stunden hat mit 150,46 km Andreas Kränzer errungen. Sechs Gefangene haben sich eine Silbermedaille (über 100 km Luftlinie) und vierzehn eine Bronzemedaille (über 50 km Luftlinie) verdient. 10 Gefangene waren 48 Stunden unterwegs. Gewonnen hat Andrea Mehner mit 235,12 km Luftlinie und einer gelaufenen Strecke von 267 km. Bei den an diesem Wochenende herrschenden Temperaturen eine unglaubliche Leistung.

Die Laufstrecken der Gefangenen – Meine Zielposition ist eingekreist
Die nächsten Prison-Break Veranstaltungen hat Alex Holl schon angekündigt:
- 01.2024: Prison Break Ultra - So weit die Füße tragen, die Winter-Edition der Flucht vom Grauen Kopf
- 06.2024: Escape from Europe - 24h / 48h / 72h
Weitere Informationen: prisonbreakultra.com